Geschichte

Ammern oder der Ammerhof, am nördlichen Spitzberghang zwischen Tübingen und Unterjesingen gelegen, gehört wie der Schwärzlocher Hof zu den alten Siedlungsplätzen im Ammertal. Beide Höfe lagen an einer alten Ost-Westverbindung, die vom Nagoldgau nach Tübingen und Reutlingen führte. Die heutige Straße wurde erst im 19. Jahrhundert angelegt.

Der Ammerhof leitet seinen Namen von der vorbeifließenden Ammer ab. Dieser Name ist keltischen Ursprungs und hat die Bedeutung: Feuchte, Wasser, Dampf, Dunst, Nebel, Wolke. Erst im 20. Jahrhundert ist das Ammertal weitgehend trocken gelegt worden.

11. Jahrhundert

Im Mittelalter wird der Ammerhof Villa Ambra, Ambera, aber auch Ammera, Ammir und Ammern genannt. Um 1100 findet sich seine erste urkundliche Erwähnung. In einer Urkunde des Hirsauer Codex werden Wernherus de Swertissloch [Schwärzloch] und Erchinbertus de Ambera, die vermutlich Vasallen der Tübinger Pfalzgrafen waren, erwähnt. Wernherus schenkte eine Wiese in Ammern und eine halbe Hube ( eine Hube oder Hufe ist die Fläche eines landwirtschaftlichen nutzbaren Bodens, die eine Familie ernähren konnte) an das Kloster Hirsau. Um 1150 ist ein Cunradus de Ammir Zeuge bei einer Schenkung an das Kloster Reichenbach.

12. Jahrhundert

Im 12. Jahrhundert war Ammern ein Weiler. Die Pfalzgrafen von Tübingen besaßen dort einen Hof mit einer Kapelle. Als im Jahr 1171 Pfalzgraf Hugo II. und seine Gemahlin Elisabeth von Bregenz in Obermarchtal ein Prämonstratenserstift gründeten, schenkten sie auch diesen Hof mit der Kapelle an das an der Donau gelegene Stift, das dort keinen Wein, der für Messen und die Kranken und als Tischwein benötigt wurde, anbauen konnte.

13. Jahrhundert

Die Prämonstratenserchorherren fanden auf dem Außenhof in Ammern zwei für sie günstige Voraussetzungen vor; sie konnten Landbau, Viehzucht und Weinbau betreiben und sich der Seelsorge widmen. Im frühen 13. Jahrhundert weilte ein Laienbruder als Hofmeister auf dem Ammerhof. Weitere Güter, wie ein Weinberg am Österberg in Lustnau und ein Hof in Ammern wurden dazu gekauft. Lange Jahrzehnte stritt das Stift mit der pfalzgräflichen Familie um sein Eigentum. Die pfalzgräfliche Familie beanspruchte z.B. die Weinberge immer noch für sich und ließ im Herbst die Trauben keltern. Die Konflikte um Besitztum, um Vogt- und Herrschaftsrechte dauerten bis zum Jahr 1303. Da verkaufte Graf Gottfried von Tübingen-Böblingen diese Rechte an das Stift Marchtal. Ammern wurde ganz der Herrschaft der pfalzgräflichen Familie entzogen und dem Stift einverleibt. Im Jahr 1307 wird ein Otto von Wurmlingen als Pfleger und Schirmherr für Ammern bestellt. Der Ritter Friedrich Herter von Dußlingen wird 1351 als Lehnsmann eines Hofes in Ammern genannt.

16. Jahrhundert

Zu Anfang des 16. Jahrhunderts bestand der Weiler Ammern aus drei Höfen, die als Lehen an drei Maier gegeben wurden. Die Verwaltung der Höfe geschah durch den Pfleger des Marchtaler Hofs in Reutlingen. Getreide und Wein wurden nach dort transportiert und gelagert. Der Pfleger war für die gute Lagerung der „gedroschenen Früchte“ zuständig und durfte von sich aus nichts veräußern. Für die „Aufgaben zu Amarn“ wurde er mit 5 Scheffel (Hohlmaß: rd. 0,23-2,22 hl) Veesen (Dinkel), 1 1/2 Scheffel Haber (Hafer), 1 1/2 Simer (Simmer,Hohlmaß, rd. 30 l) Gersten, 1fl (Gulden) für Erbsen, 10 lb( Pfund) Schmalz, 8 lb Unschlitt (Rindertalg) bezahlt. Er hatte auf Gebot und Verbot auf dem Ammerhof zu achten, er zog die „Gefälle“ ein beim Antritt eines neuen Maiers. (Gefälle: der Hauszins, Naturalien und das Bürgergeld für Tübingen, um Waren auf dem Markt verkaufen zu können)

Vom Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) blieben der Ammerhof wie das Stift in Marchtal nicht verschont. Die Geistlichkeit konnte sich nach der Schlacht bei Leipzig (1631), in der die Katholiken eine Niederlage erlitten, nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen und wurde aus den Klöstern vertrieben. Oft wurde sie schwer misshandelt und um Geldzahlungen erpresst. Auch die Prämonstratenser in Obermarchtal flohen aus dem Stift. Nur der Prior, der spätere „selige“ Abt Konrad Kneer blieb dort in verschiedenen Schlupfwinkeln zurück und kümmerte sich um die notleidende Bevölkerung, die von Hunger und Pest bedroht war. Als der Abt Johann Engler nach Obermarchtal zurückkehren konnte, sandte er Konrad Kneer nach Ammern, das auch Kontributionen zu leisten und Einquartierungen hinnehmen musste. Er fand einen verwüsteten Weiler vor:… „Die Umgegend von Ammern ist zwar an Wein und Getreide vorzüglich fruchtbar, aber die wegen Kriegsunruhen ungebaute Erde versagte Beides. Das Brod besonders war so theuer und selten, dass viele Menschen sich mit vergifteten Kräutern, ungekochten Schnecken und mit dem Fleische gefallener Thiere sättigten, und so den Tod verschlangen. Die Maas [Maß] Wein kam auf 18 Batzen [Silbermünze], und den geringen Vorrath desselben brauchte Konrad, als man Feuer in seine Wohnung geworfen hatte, in Abgang des Wassers zum Löschen…“ so berichtet der letzte Abt Friedrich von Walter in seiner Geschichte des Prämonstratenserstifts Obermarchtal. Konrad Kneer wurde in Ammern von den kaiserlichen Truppen auf dem Ammerhof schwer misshandelt und litt sein Leben lang unter körperlichen Schäden. Im Jahr 1637 starb auf dem Ammerhof der Abt Johann Engler, als er hier weilte. Vermutlich wegen des Krieges fand er seine letzte Ruhestätte in der Ammerhofkapelle.

17. Jahrhundert

Ab 1672 verwalteten zwei Brüder (Conversen) von Obermarchtal den Ammerhof. Als das Sift 1690 die Weitenburg erworben hatte, übernahm der dort eingesetzte „Statthalter“ auch die Oberaufsicht über Ammern. 1707 wurde eine eigene Statthalterei für Ammern eingerichtet, die bis zum Ende der geistlichen Herrschaft im Jahre 1803 bestand. Der „Pater Statthalter“ nahm seinen Wohnsitz auf einem der Höfe, dem St. Norbertus-Hof, der wahrscheinlich das an der Nordseite gelegene Gebäude war. Der Pater als Vertreter des Reichsprälaten war auch für die niedere Gerichtsbarkeit zuständig und konnte Strafen verhängen.

Die Kapelle, die schon seit dem Mittelalter bestand, wurde um 1600 durch einen Neubau ersetzt, der im Dreißigjährigen Krieg Schaden erlitt. Der heutige Kapellenbau fußt auf dem älteren Bau, der 1765 nach dem Vorbild eines Kirchenneubaus in Unterwachingen (1754) von dem Klosterbaumeister Tiberius Moosbrugger aus Obermarchtal erweitert und in barockem Stil umgebaut wurde. Zu der Pfarrei, die 1750 vom Stift eingerichtet und vom „ Pater Statthalter“ versehen wurde, zählten die Untertanen, die Katholiken von Tübingen, fahrendes Volk und Militär. Westlich von der Kapelle wurde ein Friedhof angelegt.

18. Jahrhundert

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts brachten die Erträge aus der Landwirtschaft, dem Handel und der Gastwirtschaft (seit 1708) gute Gewinne. 1765 standen 38 Stück Vieh, darunter 16 Melkkühe, auf dem Hof; es gab 7 Sauen, 6 Zugpferde und zwei Fohlen. Waren wurden auf dem Tübinger Markt feilgeboten und Mastochsen an Tübinger Metzger verkauft. Mit Schafen wurde ein lebhafter Handel getrieben. Weinberge lagen in der Ammer-, Mör- und Hirschhalde (nördlich der B 28) und im Gengental (westlich vom Ammerhof). In guten Jahren lagerten 40-50 Eimer Wein im Keller. Es gab reichlich Obstbäume, so wurden 1803 150 Spaliere und Pyramiden mit französischem Obst gezählt. Tabak wurde angebaut und gehandelt, Hanf und Flachs wurden versponnen, Unschlitt (Rindertalg) wurde zu Kerzen verarbeitet.

Im Jahr 1803 wurde der Wert des Hofguts auf 50.000 fl (Gulden) geschätzt. Dem Fürsten von Thurn und Taxis war im Reichsdeputationshauptschluß das Stift Obermarchtal zugesprochen worden. Er nahm schon Ende 1802 den Ammerhof in Besitz. Das Herzogtum Württemberg zog erst die Weinberge von Ammern und ab 1806 die Landeshoheit an sich. Der Fürst von Thurn und Taxis, der ursprünglich seine ständige Residenz in Obermarchtal errichten wollte, zog nach Regensburg und verkaufte Ammern 1810 an den Hof- und Finanzrat von Spittler aus Stuttgart. 1824 erwarb der Jurist K. Fr. Eichhorn aus Göttingen das Gut, das dann im Jahr 1852 an die königliche Hofkammer kam. Das Gut ist heute im Besitz des Herzogs von Württemberg.